Cromedia macht Schule: Willkommen zu unserem 47. Unterrichtspost “Wie werde ich ein echter Kroate?” – diesmal widmen wir uns einem sensiblen, ärgerlichen, in Teilen aber auch positiv überraschenden Thema: dem Müll. Smece (gespr. smäätssche) auf kroatisch. Vornehm: otpad (Abfall).
Um es gleich zu sagen: In Sachen Müll, Mülltrennung, Müllentsorgung und vor allem Müllvermeidung ist Kroatien in weiten Teilen – äh – ein Entwicklungsland. Andererseits: Sind das nicht am Ende alle Länder?
Aber Fakt ist: Der echte Kroate trennt eher selten Plastik von Hausmüll, und wenn es in kroatischen Häusern einen ordentlich geschichteten Berg Altpapier gibt, dann ist der meist – schon in kleinere Teile gerissen – fürs Befeuern des Ofens gedacht. Was ja irgendwie unter Wiederverwertung fällt … Aber Papiermüll gleich zu vermeiden, ist in etwa so typisch kroatisch, wie in den Supermarkt mit einem eigenen Einkaufskorb oder eigener Einkaufstasche zu gehen – wer so etwas sieht, der wird Zeuge einer absoluten Seltenheit. Oder es ist kein Kroate, der da seine Stofftasche befüllt.
Wozu auch? “Uzmi plastic” (gespr.: Uusmi plastitsch), sagt der Kroate zu seiner Begleitung, wenn er an der Supermarktkasse ankommt: “Nimm eine Plastiktüte mit”. Die “plastic” wird dann zu Hause geschickt auf die kleinstmögliche Größe zusammengerollt, um sie in die (Plastik-)Schale auf dem Kühlschrank zu stopfen – zu den anderen gerollten Tüten.
Alles, was unsauber ist, landet im Abfalleimer, oder kurz: im Müll – smece. Egal, ob es aus Papier, Plastik oder sonstwas ist.
Das volle Müll-“plastic” wiederum wird mit lässigem Wurf in silbergraue Container gepfeffert. Grün? Blau? Braun? Diese Tonnenfarbenlehre kennen Kroaten nicht – oder besser: wollen sie nicht kennenlernen. Noch nicht.
Denn erstens gibt es die Trenncontainer natürlich in Hrvatska, zweitens ist Müll in einem Land, das immer mehr Touristen lieben, ein wachsendes Problem. Es ist eben nicht mehr nur der kroatische Müll, der irgendwie irgendwohin zu schaffen ist, sondern auch ein Riesenbatzen Touri-Müll.
Hier ein paar harte, ein paar kuriose und ein paar überraschende Fakten zu Müll auf kroatisch:
- Seit dem 1. Januar 2018 gilt in Kroatien die EU-Richtlinie 2008/98/EG, in der explizit beschrieben ist, wie es Europa – und also auch Kroatien – in Sachen Müllsammlung, -trennung, -vermeidung und -wiederverwendung zu verhalten hat
- Nun gibt es in Kroatien tausendundnochvielmehr Inseln – wohin da mit dem Müll? NICHT ins Meer! Die Insel Vir (vor Zadar in Dalmatien gelegen) schenkte jedem Haushalt einmal im Monat Abfallsäcke – für Kunststoff, Metall oder Papier. Und richtete einen Abholdienst ein. Dann kam die Bura, der stärkste Wind Kroatiens, und die Säcke flogen davon … und wer sie im Hause lagerte, wurde sie nicht los, weil wegen der Bura der Abholdienst nicht kam …
- Ganz anders die Insel Krk, die sich offiziell und zu Recht “Öko-Insel Krk” nennt.Seit 2005 schon gibt es dort ein perfektes Entsorgungssystem, mit Fünffachtrennung (Bio, Plastik, Papier, PET, Glas, Restmüll), das auch für die privaten Haushalte gilt – und eingehalten wird. Zur Hilfe kommen den Krkern dabei 6.500 Trenn-Container an 1.400 Orten – und ein Recyclinghof
- Die 31.000-Einwohnerstadt Koprivnica (an der Grenze zu Ungarn gelegen) hat es auf die Liste der intelligentesten Städte der Welt geschafft – intelligent im Sinne von “kluger Umgang mit Müll”: Koprivnica hat Müllwagen mit getrennten Kammern für die verschiedenen Müllarten
- In Split gibt es auch spezielle Müllwagen – allerdings sind die nicht intelligent, sondern schlicht praktisch: Extra für die Spliter Altstadt konzipiert, sind die Wagen superschmal – aber die Fahrer machen’s wie die Müllmacher auch: pfeffern die Säcke mit wasauchimmer drin auf die Abladefläche – und fertig
- Immerhin eines klappt: das Tauschgeschäft. Glasflaschen werden von Kroaten in ganzen Kästen gekauft – und in denen wandert das Glasleergut zurück in den Supermarkt und ein neuer, voller Kasten kommt wieder mit nach Hause …
- Es gibt übrigens Geld für Kroatiens Entwicklung zum Müllbewusstsein: 475 Millionen Euro stehen von der EU zur Verfügung, um bis 2020 Projekte zur Mülltrennung und -wiederverwertung zu kofinanzieren. Vielleicht werden’s also bald noch andere kroatische Städte auf die kluge Welt-Anti-Müll-Liste schaffen …
(Fotos: Tina Stommel)







