Cromedia macht Schule: Willkommen zu unserem 43. Unterrichtspost “Wie werde ich ein echter Kroate?” – diesmal vertiefen wir uns in Gegensätze: Es geht um typisch kroatische Großkotzigkeit – und noch typischeren kroatischen Pragmatismus.
Der Kroate an sich hat gern und viele große Ziele – oder besser: Träume. Der einfachste, der von den meisten Menschen überall geteilt wird ist der: “biti bogat” – auf deutsch: reich sein.
Und wie macht man das? Na, sparen! Kluge Entscheidungen treffen! Auch mal auf dieses verzichten, um irgendwann jenes zu kriegen oder einfach: wissen, was wichtig ist und was nicht und danach handeln. So sieht das der Kroate, der pragmatisch denkt – er ist pragmatican (gespr. pragmatitschan).
Und wie könnte man es auch machen? Na, versuchen, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich machen, das man dann für alle sichtbar zum Fenster rauswirft! Auch dann noch, wenn man (was bei dieser Methode schnell passiert) eigentlich gar nicht mehr reich, sondern lediglich Besitzer eines riesigen Schuldenberges ist. Der Kroate, der sich so verhält, ist “pretenciozan” (gespr. prätänziosan, auf deutsch: großkotzig).
Nach vielen Jahren Freundschaft zu Kroaten kommen wir – subjektiv, zugegeben – zu folgendem Ergebnis: Es gibt sie beide, den großkotzigen ebenso wie den pragmatischen Kroaten. Aber: Der Pragmatische ist weit häufiger im rotweiß karierten Land zu finden.
Wenn man mit Kroaten über Geld spricht, dann ist das selten unangenehm, peinlich oder irgendwie der Bruch eines Tabus. Kroaten sind bei diesem Thema offen, direkt – und meist recht klar in ihren Aussagen: Sie sagen, was sie sich wünschen, was sie dafür tun und dass sie, um das Gewünschte zu kriegen, das Prinzip “sparati” verfolgen: sparen, um sich das Wichtige zu leisten. Ob das Wichtige in den Augen des Zuhörers tatsächlich auch das Richtige ist, kann man diskutieren … allerdings nicht mit dem entschiedenen Kroaten: Der tut, was er tut, und lässt sich da mit dieser auch typischen Dickköpfigkeit höchst selten reinreden.
Eine Freundin von mir stand kürzlich vor der Frage, ob sie für ein paar Tage Deutschlandurlaub macht. Ich fand, dass sie genau das grad gut gebrauchen kann, guckte nach Flügen – und dann sagte sie ab. Weil da eine Rechnung für irgendwas im Haus gekommen war. “Ich muss das jetzt bezahlen”, sagte sie – nicht, weil es einen Termin dafür gab, sondern weil sie sich erst nach dem Bezahlen weiter gut fühle. War sie traurig, auf den Urlaub in meiner ersten Heimat verzichten zu müssen? Nö (ich schon …). Sie hatte abgewägt, entschieden – und “to je to” – kroatisch für: So ist das.
Ein anderer kroatischer Freund gefiel sich im “biti pretenciozan”: Sein Geschäft hatte Insolvenz angemeldet, er verlor sein Haus, er ging abends aus und warf – das ist wörtlich zu nehmen – mit Geldscheinen nur so um sich, um den ganzen Club auf mehrere Runden einzuladen. Ich war geschockt – er lachte. “Tko ima ima”, rief er – “wer hat, der hat”. Ich sagte: “Aber du hast nicht!” Und er: “Morgen nicht, heute schon!”
Schein und Sein. Beide Seiten werden mit Inbrunst in Kroatien beschritten, auf das Extremste mitunter. Schönes populäres Beispiel sind zwei ältere Männer, die in Kroatien jeder kennt – inklusiver ihrer Schein-Sein-Geschichten.
Der eine: Ivica Todoric. Angeblich immer noch der reichste aller Kroaten. Ex-Inhaber der Supermarktkette “Konzum”. Er machte das ganz große Geld – und warf es durch jedes Fenster hinaus, das grad in seiner Nähe offen stand. Für Yachten, Häuser, alles, was teuer ist … auch noch, als sein fehlender Sinn fürs Pragmatische dem Unternehmen mehr und mehr zu schaden begann. Stand heute wird Todoric mit internationalem Haftbefehl gesucht – wegen Bilanzfälschung und Insolvenzverschleppung.
Der andere: Tomislav Mamic. Nicht der, aber einer der reichsten Kroaten. Noch-immer-Inhaber der Supermarktkette “Tommy”, einer der größten des Landes – und eine, die sauberschwarze Zahlen schreibt, bei der noch nie ein Mitarbeiter auf sein Gehalt warten musste, wo nie irgendeine Bilanz gefälscht wurde. Mamic lebt in Zagreb, führt sein Unternehmen fast geräuschlos und gilt als sympathischster Unternehmer des Landes. Er ist “pragmatican”. Und damit als Vorbild.
Fazit: Der Kroate kann ein Großkotz sein – der echte Kroate ist es in der Regel nicht.
(Zeichnung: Tina Stommel)





